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20 Jahre Vorlandfrieden: Neue Erfahrungen statt alter Gräben

KAISER-WILHELM-KOOG. Die Schafe ahnen nicht, dass sie gerade eine Grenze überschritten haben. 150 Meter vor dem Deich beginnt der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Die Beweidungsspezialisten bewegen sich grasend darüber hinweg und haben auch keine Scheu vor dem weißen Pick-Up, der ziemlich genau auf der Grenze geparkt ist. „Wir schützen Schleswig-Holsteins Küsten“ steht auf der Heckscheibe, es ist ein Wagen des LKN-SH, des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein. Darin: ein Küstenschützer und ein Naturschützer des LKN-SH, Andreas Kath, stellvertretender Baubetriebsleiter Dithmarschen-Süd und Martin Stock, Biologe in der Nationalparkverwaltung.

Bis vor 20 Jahren wäre dieses Bild noch undenkbar gewesen. Damals verliefen die Konfliktlinien klar zwischen Deichbauern und Salzwiesenfans, zwischen Kulturlandschaft und Naturparadies, zwischen Ökonomie und Ökologie. Vor allem in den Köpfen. Vor Ort, vor dem Deich lässt sich mit solchen Grenzen schlecht arbeiten, denn nicht nur Schafe halten sich nicht daran, auch Zugvögel, Pflanzen und vor allem das Wasser interessieren sich nicht dafür, wo es noch Deichfuß und wo schon Salzwiese heißt. Sie richten sich allein nach lokalen Gegebenheiten. Und die steuern wir Menschen mit unseren Eingriffen sehr wohl.

„Aus meiner Sicht haben wir hier draußen ein Problem“, sagt Andreas Kath und zeigt auf einen Priel, der durch das grüne Deichvorland ins Watt läuft. An seinem Ende steht noch Wasser. „Wir haben jetzt Ebbe, da müsste der eigentlich trocken sein.“ Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass der Deichfuß trocken bleibt, dass die Entwässerung funktioniert. Seine Idee: Rinnen durch das Watt graben, um die sechs Haupt-Entwässerungsgraben dort draußen an den nächsten tiefen Priel anzuschließen. Ob dieser Eingriff sinnvoll und nötig ist, das will er sich heute gemeinsam mit Martin Stock angucken.

Jahrelang wurde über solche Fragen ausgiebig gestritten: Als 1993 ein neues Landesnaturschutzgesetz Salzwiesen und Wattflächen unter besonderen Schutz stellte und als „vorrangige Flächen für den Naturschutz“ auswies, waren Beweidung und flächenhafte Küstenschutzmaßnahmen plötzlich verboten. Einzig, wenn die Maßnahmen ausgeglichen werden konnten und wenn sie im überwiegenden Interesse des Allgemeinwohls waren, konnten Ausnahmen zugelassen werden. Es gab also gute Gründe, sich zusammenzusetzen und gemeinsam nach Handlungsgrundlagen zu suchen.

Zwei Jahre lang berieten damals Vertreter aus Küstenschutz- und Naturschutzverwaltungen sowie der Wasser- und Bodenverbände, bis sie 1995 ihre Grundsätze festschrieben: In einem dicken Papier für das künftige Vorgehen auf den Flächen vor den Deichen, dem Vorlandmanagementkonzept. In 2007 einmal überarbeitet und um aktuelle Karten und Beschreibungen erweitert, ist das Papier bis heute die Leitlinie in der Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur zwischen Deich und Watt gelingt, der die Funktionsfähigkeit der Küstenschutzbauwerke gewährleistet. Und das ist keine Quadratur des Kreises.

Küstenschutz und Naturschutz waren sich einig in der Frage, dass bestehendes Vorland erhalten und vor Deichen, die kein Vorland haben, entwickelt werden soll. „Damit war klar, keiner will dem anderen etwas wegnehmen“, erläutert Martin Stock. Einigkeit gab es auch darüber, dass Maßnahmen so naturverträglich wie möglich ausgeführt werden sollen – abhängig von den örtlichen Verhältnissen.

Kath und Stock gehen ins Watt. Es gluckst und knistert unter den Füßen, weit draußen ziehen riesige Containerschiffe vorbei. Hier mündet die Elbe in die Nordsee. Sie beschert dem Dithmarscher Watt viel Sediment (was Kath an den kaum noch herausschauenden alten Lahnungen sieht) und ziemlich süßes Salzwasser (wie Stock am Vorkommen der Strandsimse feststellt). Das GPS sagt, dass die beiden längst durch zwei Priele gekommen sein müssten. Doch die örtlichen Verhältnisse haben sich offenbar geändert, die Priele gibt es nicht mehr.

Jährlich im Frühjahr treffen sich die Mitarbeiter der Küstenschutz- und der Naturschutzbehörde, die seit 2008 im LKN-SH zusammenarbeiten, um die Planungen abzustimmen. „Früher waren die Fronten verhärtet, das waren eher Kämpfe als Gespräche“, erinnert sich Kath. Durch die Treffen lernt man sich besser kennen und kann die Standpunkte des anderen zumindest verstehen: „Wir suchen gemeinsam nach Lösungen.“ Da nicht alles am grünen Tisch geklärt werden kann, sind Ortstermine wie heute Teil der Abstimmungen.

Nach der Wanderung durchs Watt steht der Kompromiss: Biologe und Wasserbauer sind sich einig, dass durch die veränderten Watten nun ausreichend Gefälle für die Entwässerung vorliegt, versuchsweise wird der Baubetrieb einen der sechs Gräben mit einer sanften Rinne von der Salzwiesenkante bis ans Ende des alten Lahnungsfeldes verlängern. „Und dann gucken wir mal“, sagt Kath. Neue Ideen entwickeln und Erfahrungen sammeln – auch das erlaubt das Vorlandmanagementkonzept. Und es hat sich herausgestellt, dass Küstenschutz und Naturschutz oft nur vermeintlich Gegenpole darstellen. Von der offenen und unbürokratischen Zusammenarbeit gewinnen beide: Wo sich Salzwiesen ungestört entwickeln, wachsen Vorländer ganz natürlich und dienen so dem flächenhaften Küstenschutz, und wo Eingriffe minimiert werden, wird auch Geld gespart und Arbeitskräfte können an anderer Stelle eingesetzt werden.

„Wir haben verschiedene Vorstellungen und verschiedene Ziele, aber wir arbeiten trotzdem zusammen und können auch mal ein Bier zusammen trinken“, sagt Stock. „Wir haben ja persönlich nichts gegeneinander.“ Und in einem sind sie sich sowieso einig: Ortstermine im Watt machen beide immer nur barfuß.

(Fotos: Ilka Thomsen/LKN-SH)

Verschiedene Ziele, gemeinsamer Blick aufs Watt: Biologe Martin Stock und Wasserbauer Andreas Kath (v.l.) auf der Suche nach einem Kompromiss.

Ein behutsameres Vorgehen – zum Beispiel Gräben ausheben nur bei Bedarf und nicht flächenhaft – hilft nicht nur der natürlichen Salzwiesenentwicklung, es steigert auch die Effizienz im Küstenschutz.

Dicker Wälzer: Das Vorlandmanagementkonzept beinhaltet die gemeinsamen Grundsätze von Küstenschutz und Naturschutz und ist damit eine zentrale Errungenschaft des LKN-SH und seiner Vorläufer. Auf seiner Grundlage wurden große Monitoringprogramme wie die Salzwiesenkartierung und die Höhenvermessungen etabliert, die heute wichtige Daten über die Landschaft vor dem Deich liefern.